Sei Pippi, nicht Annika – wirklich?

Seit einer Weile geistert dieser Spruch herum „Sei Pippi, nicht Annika!“ Mir ist theoretisch schon klar, was damit gemeint ist: sich mal was trauen, auf die Meinung anderer pfeifen, sich nicht verbiegen, stark und mutig sein, für sich einstehen, neue Wege gehen, etwas riskieren, die Konventionen brechen, selbstbestimmt handeln, Autoritäten hinterfragen. „Sei frech, wild und wunderbar!“ Töchter sollen heute bitte nicht mehr Prinzessinnen sein, sondern lieber Räubertöchter.

 

Schon als Kind konnte ich mich mit Annika viel besser identifizieren als mit Pippi. Ich spürte immer so eine gewisse Solidarität mit der vernünftigen und zurückhaltenden Annika. Zum Glück gab es den Ausspruch „Sei Pippi, nicht Annika!“ damals noch nicht – er hätte mich als sowieso schon eher introvertiertes Kind noch mehr unter Druck gesetzt. Und auch im Berufsleben, in Vorstellungsgesprächen und in den zahlreichen Persönlichkeitstests, die es am Markt gibt, scheint es mir, als gäbe es eine ganz klare Wertung: extrovertiert ist gut, introvertiert ist schlecht. Kreativ ist erstrebenswert, akribisch ist eher anstrengend. Agilität und Offenheit für Veränderungen sind positiv, Traditionen zu wahren und beständig zu sein, eher negativ. Wer auf andere zugehen kann, hat – natürlich – an vielen Stellen Vorteile und macht sich und anderen damit oft das Leben leichter. Und ohne Frage kommen wir oft besser durchs Leben, wenn wir in Umbruchsituationen mutig und zupackend sind und nicht ängstlich in Schockstarre verharren.

 

Wenn jetzt allerdings die Annikas dieser Welt sich schlecht fühlen und auf Biegen und Brechen versuchen, eine Pippi zu werden, fände ich das sehr traurig. Und ich glaube auch, dass es nicht im Sinne der Erfinderin, also Astrid Lindgrens, wäre. Denn die Pippis dieser Welt brauchen die Annikas und umgekehrt. Und die Arbeitsteams brauchen auch beides – und natürlich auch alle Charaktere dazwischen, denn ganz so Schwarz-Weiß ist die Welt ja zum Glück nicht. Vielleicht bin ich heute eher Annika und morgen Pippi. Und ganz sicherlich ist es auch entscheidend, in welchem Beruf wir arbeiten. Wird eine Annika glücklich im Vertrieb oder als Animateurin? Will ich, dass eine Pippi meine Steuererklärung macht oder die Lohnbuchhaltung übernimmt? Wahrscheinlich eher nicht.

 

Und so wie ein Team nur bestehend aus Skeptikern und Bewahrern nicht funktionieren würde, so wäre ein Unternehmen, in dem ausschließlich Visionäre und Kreative arbeiten, langfristig sicherlich auch nicht erfolgreich. Warum nicht die Andersartigkeit aneinander schätzen? Den anderen einfach so lassen, wie er ist. Ohne Optimierung, ohne Schablone, ohne Schublade. Zulassen, dass wir nicht jeden Tag und in jeder Konstellation die Gleichen sind. Dass wir komplexe Menschen mit vielen, manchmal scheinbar widersprüchlichen Facetten sind. Das wäre bestimmt in Astrid Lindgrens Sinne. Denn wie Pippi so schön sagte: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut!“

 

 

 

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