Alle Jahre wieder...

Für viele Angestellte ist es demnächst wieder soweit: es stehen Mitarbeiterjahresgespräche an. Während die einen sich darauf freuen, ihren Vorgesetzten einmal ganz in Ruhe für sich zu haben, Feedback geben und empfangen zu können, graut es anderen Angestellten und sie führen schon wochenlang vorher innere Dialoge in schlaflosen Nächten. „Und wenn mein Chef mich kritisiert für meine Performance in Projekt xy, kann ich ihm endlich einmal sagen, an was es im Unternehmen alles fehlt, damit ich meine beste Leistung bringen kann!“ Kommt Ihnen das bekannt vor? Ungünstig bloß, wenn der besagte Chef dann gar nicht die Stichworte gibt, auf die Sie sich so genau vorbereitet haben.

 

Das ist ein bisschen wie die Geschichte mit dem Hammer von Paul Watzlawick aus „Die Anleitung zum Unglücklichsein“ (1983):

 

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Morgen“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!““

 

Schwierig ist es natürlich auch, wenn es im Berufsalltag an Feedback oder Kommunikation mangelt, so dass das Mitarbeitergespräch scheinbar die einzige Chance auf Austausch und das Hervorbringen aller möglichen Wünsche, Bedürfnisse und Kritikpunkte beiderseits ist. Klar, dass dieser Termin dann sehr aufgeladen ist mit Erwartungen und vielleicht auch mit Sorgen und Ängsten.

 

Hilfreich ist es in jedem Fall, sich vor einem solchen Gespräch gut und sachlich vorzubereiten: was möchten Sie erreichen? Was haben Sie für Ziele? Was möchten Sie gegebenenfalls kritisieren? Zu welchen Kompromissen wären Sie bereit?

 

Meiner Erfahrung nach ist es nicht sinnvoll, sich in erster Linie darauf zu konzentrieren, was der andere an Argumenten bringen könnte und was Sie darauf als Gegenargumente erwidern sollten. Konstruktiver und auch leichter ist es, sich vielmehr darauf zu fokussieren, was Ihre eigene Haltung in diesem Gespräch sein soll – beispielsweise „Ich bin ein engagierter Mitarbeiter, der sich mehr Unterstützung im Gebiet xy wünscht.“ Anstelle von „Bestimmt wird mein Chef sagen, es ist dieses Jahr kein großes Weiterbildungsbudget mehr drin und ich habe seit fünf Jahren keine Weiterbildung mehr gehabt, wohingegen meine Kollegin alleine letztes Jahr bei zwei Seminaren war!“

 

Gucken Sie einmal genau hin, was genau Sie bei dem Gedanken an so ein Gespräch beunruhigt: Ist es die Möglichkeit einer Ablehnung? Ist es die Tatsache, dass Sie Schwierigkeiten damit haben, für sich selbst einzustehen? Befürchten Sie (ungerechtfertigte?) Kritik? Ist Ihnen unwohl angesichts des Machtgefälles zwischen Ihnen und Ihrer Führungskraft? Finden Sie es unangenehm, über Geld in Form einer Gehaltserhöhung zu sprechen? Steht es um das Verhältnis zwischen Ihnen generell nicht zum Besten? Passen Ihre Wertvorstellungen überhaupt (noch) zu denen des Unternehmens und der Geschäftsführung? Wie sähe der absolute worst case aus, der eintreten könnte? Und wenn er einträte, was geschähe dann? Was könnten Sie dann daraus Positives machen (frei nach dem Motto „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen!“)?

 

Neben der oft zitierten selbsterfüllenden Prophezeiung gibt es auch die selbstzerstörende Prophezeiung – der Mann aus Watzlawicks Hammergeschichte könnte wohl ein Lied davon singen.

 

Ein Coaching mithilfe von Perspektivwechseln, Rollenspielen, Aufdecken von blockierenden Glaubenssätzen, systemischen Fragen und Visualisierung von Zielen kann Ihnen dabei helfen, den Ursachen für eine solche diffuse Beunruhigung auf den Grund zu gehen und sich so auf ein Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten vorzubereiten. Welche heiklen Situationen haben Sie bereits erfolgreich gemeistert und warum? Was bräuchten Sie, damit das Gespräch ein Erfolg wird? Woran merken Sie, dass es ein erfolgreiches Gespräch war?

 

Wer weiß, vielleicht bekommen Sie ja die erhoffte Gehaltserhöhung, die gewünschte Weiterbildung, das ersehnte positive Feedback? Denn um mit Paul Watzlawick zu schließen: Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung.

 

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